Interview mit der Buchautorin Stephanie Reimers und Sylvia Söffge-Weber (Einrichtungsleitung der ATISTA Autismus-Kompetenz in Holzminden)

Sylvia Söffge-Weber:

Liebe Frau Reimers, Sie haben ein Buch veröffentlicht. Ich kenne ja schon einige Ihrer Essays, Ihrer Erlebnisberichte von Ihren Kindern. Wie sind Sie ans Schreiben gekommen?

Stephanie Reimers:

Eigentlich habe ich immer geschrieben. Ich habe schon als kleines Kind angefangen, Geschichten aufzuschreiben. Schreiben hat mich immer begleitet – in Tagebuch – oder Essayform. Das war schon immer eine gute Möglichkeit für mich, meine Gedanken zusammenzufassen. Meine Kinder haben mich vor Herausforderungen gestellt, die ich vorher in meinem Leben noch nicht hatte. Das war anfangs eine unglaublich schlimme Zeit, da habe ich viel geweint. Als dann meine Ehe zerbrochen ist, habe ich angefangen, Dinge positiv zu sehen. Dann habe ich mir so etwas wie eine Challenge gesetzt, wenn etwas ganz Krasses passiert ist, dann werde ich es aufschreiben, aber die Aufgabe war, am Ende muss es eine positive Wendung haben. Egal, wie krass, es muss etwas Positives dabei herauskommen. So dass ich sagen kann, ich habe etwas aus der Situation gelernt. Oder ich bin irgendwie mit der Situation umgegangen. Dann habe ich im Laufe der Zeit immer mal wieder geschrieben. Mal mehr, mal weniger. Es war wie so eine Selbsttherapie. Ich habe die Texte immer wieder gelesen. Dann habe ich immer wieder darüber geweint. Ich kann auch immer noch die Texte lesen und darüber weinen. Oder auch Texte lesen und darüber lachen. Also, ich habe das v.a. für mich selbst geschrieben. Ich bemerke auch, wenn ich einige Text noch einmal lese, dass ich Dinge gar nicht mehr so sehen würde, oder dass ich da so mitgehen würde, oder mir sage, ja, so mache ich das. Aber in dem Moment war das ebenso. Für mich ist das eine Entwicklungsreise, die ich gemacht habe. Eben so ein Tagebuch, wo drinsteht, wie es für mich war.

Sylvia Söffge-Weber:

Sie haben sich dazu entschlossen, das zu veröffentlichen. Warum?

Stephanie Reimers:

Bevor ich wusste, dass meine Kinder Autisten sind, habe ich ganz oft das Gefühl gehabt, warum hilft mir denn keiner? Das war wie so eine Dauerschleife…Warum bin ich denn so allein hier auf der Welt? Nach diesen vielen Jahren, in denen ich gelernt habe, mit meinen Kindern zu leben. Jetzt weiß ich, da draußen gibt es ganz viele Menschen, die vielleicht genau in so einer Situation stecken, wie ich. Und die vielleicht auch noch gar nicht wissen, dass Ihr Kind Autist ist. Sondern Sie erleben, mein Kind ist anders, ich komme als Elternteil nicht wirklich klar. Ich habe die Hoffnung, dass diese Menschen das lesen können und wissen, ich bin nicht allein. Ich bin nicht allein. Es gibt 111 Wege, wie ich damit umgehen kann. Das wollte ich gern anderen geben. Das andere eben „das Gleiche“ erleben.

Sylvia Söffge-Weber:

Ist das für Sie so eine Art Rezept? Oder gibt es auf den Punkt gebracht etwas, was Sie diesen Eltern – in einer vergleichbaren Situation mitgeben möchten? Weil die Eltern sich allein fühlen und sich fragen, was ist bloß mit meinem Kind los?

Als Rezept kann ich das nicht empfehlen. Ich habe die Dinge so ausprobiert, wie sie da stehen. Das ist kein Rezept, das gelingt, sondern im Endeffekt sind es jetzt 111 Kapitel geworden. Und wenn man die Zahl sieht, so ist das 1- 1-1. Der eine Weg, den wir immer gehen, ist, liebevoll zu sein. Und zwar meinen Kindern gegenüber liebevoll zu sein und auch mir selbst gegenüber liebevoll- und da die Waage zu halten. Wie kann ich immer liebevoll zu meinen Kindern sein und immer Verständnis dafür haben und gleichzeitig Verständnis für mich. Beides gleichzeitig geht eigentlich nicht. Man schwankt immer hin und her. Dann bleibt in der Mitte eben dieser eine Weg, wo man für alle Beteiligten liebevoll ist.

Sylvia Söffge-Weber:

Ich sehe, dass Sie das immer wieder sehr bewegt.

Stephanie Reimers:

Total

Sylvia Söffge-Weber:

Ich erlebe Sie sehr reflektiert auch im Umgang mit Ihren Kindern. Wie schaffen Sie das?

Stephanie Reimers:

Ehrlich gesagt, bin ich in einer Familie aufgewachsen, wo ich immer kritisiert wurde. Kritisieren war so das ein und alles in meiner Familie. Mich selber von außen beobachten und mich fragen, was denken die anderen über mich? Das war die absolut ungesunde Haltung mit der ich groß geworden bin. Mich immer selbst zu reflektieren aber immer mit diesem Negativfokus. Was stimmt denn hier an mir nicht? Wie kann ich mich verbessern? Und dankenswerter Weise ist da etwas Positiveres geworden. Mittlerweile ist es mir meistens egal, was die anderen denken. Aber es macht mit weiterhin sehr viel Spaß, zu denken, wie ist das denn – und wie könnte es noch sein? Wie fühle ich mich jetzt damit, wie ich hier gerade umgehe? Und fühle ich mich in einem halben Jahr mit der Methode immer noch gut? Ich habe nicht den Anspruch, so wie ich es in der Kindheit gelernt habe, es gibt richtig und falsch und man muss unbedingt bei richtig bleiben. Mittlerweile denke ich, es gibt eben 111 Wege. Heute ist der eine und morgen vielleicht der andere richtig. Es ist wichtig, sich immer wieder zu überlegen, passt der Weg jetzt noch? Ist der Weg jetzt für mich – in diesem Moment noch richtig? Und es gibt nicht nur die eine Möglichkeit Und genau so muss ich es machen. Das kann ich immer nur wieder neu für mich bewerten, was oder ob das jetzt gerade für mich okay ist, wenn ich immer reflektiere. Was brauche ich jetzt gerade? Was braucht mein Kind?

Sylvia Söffge-Weber:

Was hat Ihnen geholfen das herauszufinden? Was brauche ich gerade? Was braucht mein Kind?

Stephanie Reimers:

Selbstliebe, Selbstliebe, Selbstliebe, Selbstliebe…

Sylvia Söffge-Weber:

Und wie haben Sie die Selbstliebe für sich entdeckt oder gefunden und entwickelt?

Stephanie Reimers:

Da möchte ich jetzt kurz nachdenken.

Selbstliebe habe ich als Kind gar nicht gelernt. Wenn ich meine Mutter fragen würde, liebst Du Dich eigentlich selbst? Dann würde sie sagen, also auf gar keinen Fall. Das heißt, das Konzept von Selbstliebe gab es für mich gar nicht. Ich habe mich noch nicht einmal selbst genug geliebt, um diese nicht funktionierende Ehe zu beenden. Die wurde für mich beendet. Dann kam so ein langer Prozess, wo ich mich mit – Tagebuch schreiben, Meditieren und viel Podcast hören- befasste. Die Laura Malina Seiler habe ich hoch und runter gehört. Die arbeitet eben sehr viel mit Selbstliebe. Ich habe auch so eine Insight Timer App. Da gibt es viele Lehrer, die einem beibringen, wie funktioniert denn Selbstliebe eigentlich. Wie schaffe ich es, wenn es mir wirklich wirklich schlecht geht, mich wie mein eigenes kleines Kind in den Arm zu nehmen und zu sagen, ich tröste Dich hier einmal. Ich bin mal für Dich da. So, wie Du Dich fühlst, ist das okay. Und ich halte das aus. Also, ich bin schon groß und meine Gefühle sind sozusagen das kleine Kind in mir, das gehalten werden möchte. Das übe immer noch. Zu wissen, dass es überhaupt eine Option ist, sich selbst zu lieben. Das war ein Gamechanger in meinem Leben. Das ich nicht darauf angewiesen bin, dass es da draußen jemanden gibt, der mich liebt und mir sagt, dass ich etwas wert bin. Sondern dass ich mich einfach so, wie ich bin, selber lieben kann. Und ein bisschen egal ist, was die anderen sagen.

Sylvia Söffge-Weber:

Das ist eine sehr tiefgründige Lebenserfahrung, die Sie sammeln konnten. Und ich sehe, dass Sie dieser Prozess bewegt, beschäftigt und auch heute weiter begleitet.

Stephanie Reimers:

Ja.

Sylvia Söffge-Weber:

Gibt es etwas, das Sie Müttern, Eltern, Angehörigensystemen mit auf den Weg geben möchten, die ein Kind haben, das „anders tickt“ oder schon diagnostizierten Autismus hat?

Stephanie Reimers:

Annehmen, annehmen, annehmen. Das ist die Aufgabe, die man dann hat. Wenn man so ein Kind hat, das einen täglich vor die Aufgabe stellt, damit klarzukommen, dass Kindergarten, Schule, selbst Familienangehörige einem immer wieder sagen, Du erziehst Dein Kind nicht richtig. Annehmen, dass die das nicht verstehen. Und man es selbst verstehen kann und man selber daran wächst. Das ist meine Aufgabe, damit leben zu können auch damit, dass das nicht alle anderen verstehen.

Sylvia Söffge-Weber:

Schaffen Sie das wirklich jeden Tag?

Stephanie Reimers:

Nö (lautes Lachen von beiden)

Ab und zu reicht ja. Manchmal geht es und an manchen Tagen geht es auch nicht. Ich bekomme immer noch mal wieder Wutanfälle und bin verzweifelt und weiß nicht, wie es jetzt richtig ist. Aber eben oft. Das reicht ja. Immer kleine Schritte.

Sylvia Söffge-Weber:

Herzlichen Dank für dieses intensive Gespräch und die anspruchsvollen Anregungen für alle, die sich dafür öffnen mögen.

Nachtrag zu den Texten auf unserem Blog, die von S.J. signiert wurden:

Stephanie Reimers:

Ich habe die Texte auf Ihrem Blog nicht mit meinem Namen veröffentlicht, weil ich Angst hatte, dass meine Söhne dadurch irgendetwas Negatives erleben oder dass mich jemand darauf ansprechen könnte. Die Angst vor Kritik, Abwertung und Ablehnung war so groß, dass ich dachte, da verstecke ich mich jetzt mal lieber hinter meinem Mädchennamen, so dass es keiner wissen kann. Und als ich jetzt beschlossen habe das zu veröffentlichen. Wurde mir klar, dass die Leute, die mich wirklich  schmerzhaft damit kritisieren würden, die lesen das ja wahrscheinlich gar nicht. Das interessiert sie doch überhaupt nicht. Da war für mich klar, das kann auch mit meinem richtigen Namen veröffentlicht werden. Die Angst vor der Kritik kann ich jetzt auch ablegen

Sylvia Söffge-Weber:

Das ist wieder ein riesiger Entwicklungsschritt, Frau Reimers.

Herzlichen Dank für Ihre aufrichtigen Worte!!

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