Autobahn vs. Bergsteigen

Manche Eltern bekommen Kinder, mit denen läuft es wie auf einer Autobahn. Man setzt sich ins Auto, gibt ins Navi das Ziel ein und kommt ein paar Stunden später am Ziel an. Manchmal verzögern Baustellen und Staus die Reise. Dann wird geflucht und gewettert, dass es nicht nach Plan läuft und die Unzufriedenheit über die zeitliche Verzögerung schafft einen Stress, der seinesgleichen sucht. Die Kinder sitzen auf der Rückbank und werden sicher und zuverlässig zum Ziel gefahren. Am Ende der Reise werden alle sagen:

War doch gar nicht so schlimm.

Mir wurde schnell klar, dass die Reise mit meinen Kindern eine Bergsteigertour war. Kein Navi. Keine Vorstellung vom Verlauf der Strecke. Keine angemessene Ausrüstung. Keine Reisebegleiter. Es ging permanent bergauf für mich, und wenn ich ein Plateau erreicht hatte, war um mich herum alles in Nebel gehüllt und ich wurde nach der nächsten Kurve überrascht, dass es immer nur noch mehr bergauf ging. Ich schwitzte, denn meine Kinder auf dem Rücken bergauf zu tragen war mehr, als mein Körper eigentlich leisten konnte. Aber meine Muskeln wurden von Tag zu Tag stärker. Ich lernte, mir meine Kraft einzuteilen. Ich lernte den Weg ohne Karte und ohne Navi zu finden. Sackgassen entlangzugehen. Kommentarlos umzudrehen und einen neuen Weg zu finden. An Wegkreuzungen entschied ich nach meinem Bauch. Denn oftmals fand ich an den Kreuzungen gut meinende Mitmenschen, die in ihren Autos saßen und Autobahnkinder großgezogen hatten. Sie gaben mir gute Tipps, wo ich langgehen sollte und wie ich den Weg bewältigen könnte. Aber ich lernte, dass all diese Menschen keine Ahnung von meinen Bergsteigerkindern haben. Ich konnte getrost zuhören und dann machen was ich wollte. Meinen eigenen Weg gehen.

Ich bin bis heute nicht auf dem Gipfel meiner Bergtour angekommen. Aber ich bin unfassbar stark geworden. Habe alle Ratgeber gelesen und alles ausprobiert was mir helfen könnte. Habe in mir meine eigene Stärke entdeckt und weiß nun ganz sicher:

Ich bin viel stärker als ich dachte und werde mit jedem Anstieg nur noch stärker.

Und: War doch gar nicht so schlimm.

Ich danke meinen Bergsteigerkindern für die unglaublichen Erlebnisse und Erkenntnisse auf unserer Reise. (S.J)

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