Autismus und Pädagogik der Nähe
Heute stellen wir ein besonderes Buch mit Leseprobe vor: Julian
Ich freue mich zu lesen, dass die Autoren Julian beziehungs – sowie bedürfnisorientiert mit Liebe begleitet haben. Oft erlebe ich die Erwartungshaltung, dass der Mensch mit Autismus sich zu verändern hat mit Trainingsprogrammen und Methoden. Oft hat das die Überanpassung zur Folge durch Maskieren und sich selbst verlieren. Hier wird anschaulich geschildert, dass sich Rahmenbedingungen mit Julian gemeinsam verändern dürfen, damit der Mensch mit Autismus wachsen und an Situationen teilhaben kann. Dabei liegt hier das Besondere in der alltagsnahen Darstellung des Erlebten und die – für mich – weisen Erkenntnisse, die daraus gewonnen wurden. Es handelt sich nicht um eine Handlungsstrategie – vielmehr beschreibt es den Mut für Beziehung zu dem autistischen Kind – die Liebe, die sich in der Annahme zeigt. Mit Bindung und Beziehung ist wohlfühlen, lernen und ein miteinander Wachsen möglich.
Herzlichen Dank an die Autoren für die Bereitstellung einer Leseprobe und den freundlichen sowie berührenden Mailverkehr!
Und das sagen die Autoren Gerhard Bähr und Hans-Joachim Tilgner selbst über ihre ganz persönliche Motivation dieses anschauliche Buch zu schreiben: "Was passiert, wenn man aufhört, ein Kind „behandeln“ zu wollen und beginnt, ihm wirklich zu begegnen? Ich habe in den letzten Jahren etwas erlebt, das mein Verständnis von Autismus komplett verändert hat. Julian galt als „nicht beziehungsfähig“, „schwer autistisch“. Viele Dinge, die als Fortschritt galten, fühlten sich für uns falsch an. Zu viel Anpassung. Zu wenig echtes Erleben. Irgendwann haben wir aufgehört, an ihm zu arbeiten und begonnen, ihn wirklich zu verstehen. Daraus ist ein Buch entstanden. Kein Ratgeber. Keine Methode. Sondern ein ehrlicher Einblick in das, was Beziehung im Alltag wirklich bedeutet. Vielleicht ist es nicht für jeden. Aber vielleicht genau für die, die merken, dass klassische Wege nicht immer weiterführen. Wir haben das Buch mit Herz und aus Liebe zu Julian geschrieben. Es ist gedacht, Eltern und Angehörige zu stärken und zu ermutigen, dass Entwicklung möglich ist."
Eine Leseprobe- Termine für Julian
Termine für Julian legten wir konsequent in die frühen Vormittagsstunden. Nicht aus Prinzip. Aus Erfahrung. Nachmittags war es für ihn fast immer schwierig, etwas zu tun, das Anpassung verlangte. Ein Schuhkauf, der Kauf einer Jacke, ein Arzttermin, all das konnte ihn schnell überfordern. Nicht, weil er unwillig war, sondern weil seine innere Spannung zu diesem Zeitpunkt oft schon hoch war. Man sah es ihm nicht immer an. Aber man spürte es, wenn man aufmerksam war. Essen gehen dagegen funktionierte zu fast jeder Tageszeit. Das irritierte manche. Für uns war es ein Hinweis: Julian konnte Situationen bewältigen, wenn sie klar, überschau bar und frei von Erwartungsdruck waren. Wo nichts „erledigt“ werden musste, blieb er erreichbar. Wurde Julian psychisch überlastet, veränderte sich sein Zustand deutlich. Er war dann kaum noch ansprechbar. Er trat weg, als ginge er durch eine unsichtbare Tür in eine andere Welt. In solchen Momenten half kein Reden. Kein Erklären. Kein Drängen. Was er brauchte, war Ruhe. Und noch mehr Ruhe. In Institutionen spricht man von Symptomen. Im Alltag einer Familie spricht man von Konsequenzen. Für uns bedeutete das: Termine nicht dann wahrzunehmen, wenn sie im Kalender standen, sondern dann, wenn Julian innerlich dazu in der Lage war. Das war keine Bequemlichkeit. Es war Verantwortung. Wir lernten, äußere Anforderungen zurückzustellen, um innere Stabilität zu schützen. Dieses Wissen ließ sich nicht planen. Man konnte es nur lernen, indem man hinsah, wartete und bereit war, Termi ne abzusagen, ohne sich zu rechtfertigen. Zeit war für Julian kein neutrales Medium. Sie war ein pädagogischer Faktor. Und manchmal war der Verzicht auf einen Termin die wichtigste Entscheidung des Tages.
Leseprobe aus Julian – Autismus und Pädagogik der Nähe