Eine Handreichung für den Musikunterricht – von einem Musikstudenten mit Autismus analysiert und zusammengetragen

Asperger-Autismus im medizinischen Kontext

Der Begriff „Asperger“ bzw. „Autismus“ wurde im medizinischen Kontext mehreren Bedeutungswandlungen unterzogen. So wurde im Laufe der Zeit die starre Kategorisierung von „frühkindlich“, „atypisch“ und „Asperger“ in das aktuelle nun symptomatikorientierte Spektralverständnis umgeformt. Ein weiterer Grund der Namensänderung ist ebenfalls eine bewusste Ablehnung früherer stark bewertender Nomenklaturen und Fehlklassifizierungen des Autismus‘ als Krankheit; die Benutzung des Begriffes der Störung ist ebenfalls im wissenschaftlichen Diskurs im Wandel. Das liegt daran, dass die, nun durch neurologische Forschungen belegbare, veränderte Gehirnstruktur im Vergleich zu neurotypischen Vergleichsgruppen nachweisbar ist: Ein Beispiel ist die andersartige Hirnarealvernetzung. Hier sind verstärkter aufkommende Binnenvernetzungen eng beieinanderliegender Hirnareale bei Autist*innen belegbar; hingegen bei weiter auseinanderliegenden deutlich reduziert. Beim Thema „Autismus und Intelligenz“ stellt Lipinksi fest, dass ein Teil der Autist*innen einen niedrigen IQ, der andere Teil jedoch einen durchschnittlichen bis überdurchschnittlichen IQ besäßen, wobei bei letzterem der Musikpädagoge Michael Dartsch dies als „[…] Menschen mit dem sogenannten ‚Asperger-Syndrom‘,einer leichten Variante des Autismus-Spektrums ohne verminderte Intelligenz […]“ verallgemeinert und wiedersprüchlicherweise im Bereich „Menschen mit erhöhtem Förderbedarf verortet. 

Dies exkludiert Autist*innen mit überdurchschnittlich hohem IQ. Es ist sich klarzumachen, dass es nicht sinnvoll ist, Autist*innen zu kategorisieren und zu verallgemeinern, da Wissenschaftler*innen bereits mit individuell unterschiedlichen „Stärken- und Schwierigkeitsprofilen“ arbeiten.

Kernsymptomatiken des Asperger-Autismus

Trotz der individuell unterschiedlichen Ausprägung von Stärken und Schwierigkeiten gibt es zwei Kernsymptome, die bei jedem Menschen mit Autismus vorhanden sind: „Beeinträchtigungen in sozialer Interaktion und Kommunikation; sich wiederholende stereotype Verhaltensweisen;“ beides zurückzuführen auf eine erhöhte Reizsensibilität. Durch neurodivergente Gehirnstrukturen nämlich, werden bei Autist*innen Reize unterschiedlich verarbeitet. Dementgegenwirkend werden folglich Routinen entwickelt, um mehr strukturelle Sicherheit zu empfinden. Besagte Reizwahrnehmung wirkt sich auch auf soziale Faktoren aus: Es entstehen Schwierigkeiten Emotionen in Gesichtern oder Nonverbales zu lesen; auf der anderen Seite aber auch selbst Schwierigkeiten beim differenzierten Ausdrücken von Mimik und Gestik. Die Autorin Jennifer Cook hat zu diesen Kernsymptomatiken einen „Guide für Jugendliche mit Asperger Syndrom“ geschrieben, um soziale Regeln und Konventionen anschaulich darzustellen.

Neurodivergenz im Musikunterricht

Achtet man nun darauf, eine neurodivergenzfreundliche Musikunterrichtsatmosphäre zu kreieren, so ist zum Einen die Berücksichtigung medizinischer Tatsachen von Nöten und daraus folgernd den Unterricht anzupassen. Zum Anderen geht es aber auch darum, Autist*innen nicht zu exkludieren oder zu exotisieren. Daraus wiederum ist abzuleiten, die Zielsetzung des Unterrichts so schüler*innenzentriert wie möglich anzusetzen, damit individuell unterschiedliche Stärken zum Tragen kommen und eine Balance zwischen Unter- und Überforderung erreicht wird. Dennoch sind gewisse, autismusspezifische Anpassungen des Musikunterrichts zielführend: Die Grundlage ist eine klare Bildung von Routinen: Angefangen dabei, aus kalendarischer Sicht, den Unterrichtstermin möglichst immer orts- zeit- und wochentagskonstant zu halten. Dazu zählt auch, den Unterrichtsraum möglichst nicht zu verändern und reizarm zu gestalten. Aus sensorischer Sicht ist es ebenfalls sinnvoll, den Raum schallgeschützt zu gestalten, damit weder im Raum Echos entstehen, noch Geräusche von Außen für zusätzlich zu kompensierende Reize sorgen. Dartsch betont eine vielfältige Methodenaufstellung;  da hierfür eine schüler*innenzentrierte Sichtweise Grundlage ist, ist in diesem Fall aber eine möglichst routinierte gleichbleibende Arbeitsform sinnvoll, die individuell auf den*die Schüler*in abgestimmt ist. Hier sollte es auf Kommunikationsebene eine möglichst sachliche und smalltalkfreie Arbeitsweise geben, um Missverständnisse auf verbaler und nonverbaler Art zu vermeiden; eine Vermeidung von Gruppenunterrichtssituationen kann sinnvoll sein, um Außenreize und soziale Problemstellungen zu umgehen. Ein weiterer Aspekt ist das Achten der Lehrkraft auf Anzeichen von Überreizung und das Kennenlernen des Energiemanagementes des*der jeweiligen Schüler*in.

Fazit

Zusammengefasst kann man sagen, dass inklusiver Unterricht, hier im Kontext Autismus, eigentlich leicht möglich sein sollte. Das Problem jedoch, was sich durch die Auseinandersetzung mit Guides und medizinischer Literatur durchweg erkennen lässt, ist die mangelhafte gesamtgesellschaftliche Aufklärung und Sensibilisierung. Sobald Gründe für exotisch anmutendes Verhalten ersichtlich werden, kann ein toleranteres und autismussensibleres Umfeld entstehen.

C.

Schreibe einen Kommentar